Schwedische a cappella-Chormusik nach 1945

Publicerad: 2001-06-08 av Stellan Sagvik

von Clemens Mohr


Zusammenfassung

In Schweden hat die Chormusik nach dem zweiten Weltkrieg entscheidend zur allgemeinen Entwicklung der dortigen Neuen Musik beigetragen. Zu einem großen Teil verlief diese Entwicklung parallel zu den Tendenzen der Neuen Musik in Europa, ausgehend von Strömungen, die in der Mitte dieses Jahrhunderts das Musikleben in Mitteleuropa beherrschten. Seitdem ist Schweden aus der musikalischen Abgeschiedenheit herausgetreten und hat eine Musikkultur entwickelt, die
eigenständiger als jemals zuvor in seiner Musikgeschichte ist.

Dies ist zu einem großen Teil den Chören und Chorleitern - besonders Eric Ericson - als ausführenden Kräften zu verdanken. Mehr als in vielen anderen Ländern (z.B. Deutschland) wird in Schweden in Relation zu einer bestehenden Nachfrage komponiert. Ein ähnliches Phänomen läßt sich auf dem Gebiet der Musik für Posaune beobachten, wo seit dem Hervortreten des Posaunisten Christian Lindberg gerade in Schweden viel für Posaune komponiert wird. Viele Werke werden im Hinblick auf mögliche Aufführungen komponiert anstatt nur mit dem Anspruch einer abstrakten Komposition. Auch wenn es Vorwürfe der Kommerzialisierung gibt: Finanzielle Möglichkeiten und die Aussicht auf Verdienst wirken in jedem Fall nicht nur manipulierend, sondern auch im positiven Sinne qualitativ auf das Musikleben ein.

In der Vokalmusik kommt dazu noch das Phänomen, daß gerade Chöre besonders gerne die Musik ihres Landes singen und zu interpretieren wissen, weil der Chorgesang immer auch soziale Funktionen hat. Deutschland, Frankreich, Italien und England haben eine große Tradition im Bereich der Chormusik - für schwedische Chöre wirkt der neue nationale Aspekt motivierend und begünstigt auch unabhängig vom musikalischen Bildungsstand die Offenheit gegenüber Neuer Musik.

Warum ist diese Musik in Deutschland so unbekannt? Viele Schüler Eric Ericsons wirken auch hierzulande und pflegen das neue a cappella-Ideal, die Gehörbildungsschule „modus novus“ mit vielen Beispielen aus der neuen schwedischen Vokalmusik ist an vielen Musikhochschulen im Gebrauch und die wenigen Rezensionen schwedischer Werke in deutschen Musikzeitschriften sind durchweg positiv. In der Neuen Zeitschrift für Musik 1/94 bzw. 4/94 werden beispielsweise Sandströms Requiem De ur alla minnen fallna und Lidholms Oper Ett drömspel hochgelobt; zugleich wird der niedrige Bekanntheitsgrad dieser Werke bedauert.

Innerhalb Skandinaviens gibt es bereits in vielen musikalischen Bereichen intensive internationale Zusammenarbeit, z.B. durch Festivals wie das seit 1992 jährlich stattfindende Nordisk Musikfestival, gemeinsame Produktionen und umfangreiche Austauschprogramme in der Ausbildung. Dies hat auch dazu geführt, daß die stilistischen Grenzen zwischen den Ländern immer mehr verschwimmen und Schweden, das die ersten entscheidenden Impulse auf diesem Gebiet lieferte, nicht mehr die alleinige Führungsrolle innehat. In diese Zusammenarbeit werden auch die baltischen Staaten einbezogen. Unter diesen hat besonders Estland ein außergewöhnlich reichhaltiges Chorleben. Der Schwerpunkt liegt dort ebenso wie in Schweden auf neuer Chormusik. Auch in Estland trug dazu ein überragender Chorleiters und dessen Chor bei, nämlich Tõnu Kaljuste und der Eesti Filharmoonia Kammerkoor.

Die folgenden Auszüge sollen einen Einblick in die Thematik der Arbeit vermitteln. Die Urheberrechte liegen beim Verfasser. Adresse: Clemens Mohr, Jakordenstraße 12, D-50668 Köln.
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Einleitung
Einen derartig vielseitigen Reichtum an neuer, künstlerisch wertvoller a cappella-Chormusik wie in Schweden findet man in der zweiten Hälfte des 20. Jh. in kaum einem zweiten Land. Diese These wird in der Arbeit anhand eines chronologischen Überblickes und einiger vertiefender Analysen belegt. Die besprochenen Werke haben folgende Gemeinsamkeiten:

Es handelt sich ausschließlich um nach 1945 komponierte a cappella-Werke. Sie wurden von schwedischen Komponisten geschrieben, die für die schwedische Musikgeschichte - nicht nur im Bereich der Chormusik - von Bedeutung sind.
Viele dieser Kompositionen sind in Schweden zu „modernen Klassikern“ geworden. Das ist ungewöhnlich, wenn man bedenkt, daß für viele Werke der Neuen Musik die Uraufführung gleichzeitig die letzte ist und daß nur wenige neue Werke wirklich bekannt werden.
Selbstverständlich muß man zwischen Kunstmusik und Gebrauchsmusik unterscheiden: Auf Musik, die zu pädagogischen oder geselligen Zwecken geschrieben worden ist (einfache Stücke z.B. für Schul- und Kirchenchöre) soll hier nicht eingegangen werden.

Bislang gibt es erstaunlich wenig wissenschaftliches Material zu diesem Thema. Die meisten Texte sind journalistisch oder biographisch geschrieben, hingegen gibt es nur äußerst wenige Analysen bestimmter Chorstücke und Kompositionsweisen. Ich hielt es daher für wichtig und interessant, mit den bedeutendsten Chorleitern und Komponisten selber zu sprechen. Diese auf Tonträger aufgezeichneten Interviews dienten als wichtige Informationsquelle für die vorliegende Arbeit.

<P>Interviews führte ich mit den Komponisten Ingvar Lidholm, Arne Mellnäs und Sven-David Sandström sowie mit den Chorleitern Eric Ericson, Gunnar Eriksson und Gösta Ohlin.

<P>Zum ersten Mal faszinierte mich die neue schwedische Chormusik, als ich 1995 für ein halbes Jahr an der Musikhochschule Göteborg studierte. Dort hatte ich das Glück, im Kammerchor der Musikhochschule unter Leitung von Gunnar Eriksson mitzuwirken und viele Werke und originelle Methoden zur Einstudierung von Chormusik kennenzulernen.

<P><A NAME="mon"><B>Die Montagsgruppe - Neue Chormusik von 1945 bis 1960</B></A>
<BR>Von Dezember 1944 bis 1950 traf sich montags im Hause des Komponisten Karl-Birger Blomdahl (1916-68) eine Gruppe junger Komponisten, um kompositorische Anregungen, die hauptsächlich aus Mitteleuropa kamen, in neue Ideen umzusetzen (Montagsgruppe). Die Bewegung richtete sich auch deutlich gegen die Nationalromantik. Zu dieser Gruppe gehörten in erster Linie Kompositionsschüler Hilding Rosenbergs, aber an den Treffen nahmen auch manchmal Nicht-Komponisten wie der Musiktheoretiker Ingmar Bengtsson und der Chorleiter Eric Ericson teil. Die Komponisten der Montagsgruppe, die an der Entstehung einer neuen Chormusik am meisten beteiligt waren, sind Sven-Erik Bäck, Sven-Eric Johanson und Ingvar Lidholm.

<P><A NAME="exp"><B>Experimentelle Chormusik zwischen 1960 und 1977</B></A>

In den 60er-Jahren kamen so viele Impulse für den Bereich der Komposition aus Schweden, wie niemals zuvor (nicht nur in bezug auf Chormusik). Eric Ericsons Chöre genossen inzwischen Weltruhm, vor allem durch Uraufführungen von Werken international bekannter Komponisten, aber auch durch die Aufführung neuer schwedischer Werke. Allerdings fand Chormusik in den damaligen internationalen Zentren für Neue Musik - Darmstadt und Donaueschingen - wenig Beachtung.

1960 wurde Karl-Birger Blomdahl als Nachfolger von Lars-Erik Larsson Kompositionsprofessor an der Musikhochschule Stockholm. Dort organisierte er zusammen mit dem Musikwissenschaftler Bo Wallner viele Gastvorlesungen mit den international bedeutendsten Avantgarde-Komponisten (u.a. Kagel, Lutoslawski, Nørgård und Nono). Ab 1961 leitete György Ligeti als Gastprofessor Kompositionskurse an der Musikhochschule Stockholm. Er wurde - auch im Bereich der Chormusik - zu einer Schlüsselfigur im schwedischen Musikleben. Sein berühmtes Chorwerk Lux aeterna hat in Schweden die gesamte Art und Weise, Chormusik zu schreiben, stark beeinflußt.

Als Ingvar Lidholm 1964 die Hauptprofessur in Stockholm übernahm, weil Blomdahl Programmleiter des schwedischen Rundfunks wurde, verstärkte sich der Trend zur radikalen Neuerung im schwedischen Musikleben weiterhin, nicht zuletzt dank der günstigen finanziellen Lage, denn der schwedische Wohlfahrtsstaat stand in den 60er-Jahren in vollster wirtschaftlicher Blüte.

Unter diesen Voraussetzungen fühlten sich die jungen Komponisten zum Experimentieren ermutigt. Aber schon bald (ca. 1970 - Grenzen sind ab jetzt nicht mehr so einfach zu ziehen) sahen sie dies als Experimentierzwang und schließlich als Sackgasse an. Arne Mellnäs steht als Beispiel dafür, wie sich die Entwicklung ab 1970 wieder umkehrte: zurück zur Einfachheit unter Einbeziehung der neuen, aus dem Experimentieren gewonnenen Ausdrucksmittel.

Prinzip „Schönheit“ seit Ende der 70er-Jahre
An den Chorwerken ab ca. 1977 (natürlich ist auch diesmal der Übergang fließend) fällt vor allem die unmittelbarere Zugänglichkeit und Expressivität auf. Arne Mellnäs beschrieb diesen neuen Stil im Gespräch als eine Art Neoromantik (Interview mit Arne Mellnäs, 22.2.96).

Wohlgemerkt trifft diese Entwicklung nicht auf die gesamte Entwicklung der Neuen Musik in Schweden zu. Vielmehr hat sich die Spannbreite zwischen „kopflastigen“ Komponisten, die mit elitärem Bewußtsein die Kunstmusik vor dem Verfall retten wollen und Komponisten, die keinen Hehl daraus machen, daß ihre Stücke auch dem Publikum gefallen sollen, verbreitert. Dadurch ist das Musikleben pluralistischer geworden - was beliebt, ist auch erlaubt. Die Vertreter des „intellektuellen“ Stils haben allerdings weniger für Chor geschrieben und können daher in dieser Arbeit vernachlässigt werden.

Die Chormusik ab den 70er-Jahren läßt sich weniger in Form von Komponistenportraits beschreiben als mit punktuellen, kaum auf einen Nenner zu bringenden Werkbeispielen. Die großen Komponisten der vorhergehenden Jahrzehnte komponierten zwar weiterhin bedeutende Stücke, doch läßt sich heute noch nicht richtig beurteilen, welche Komponisten der jüngeren Generation (abgesehen von Sven-David Sandström) auf dem Bereich der Chormusik eine herausragende Stellung einnehmen. Heute spielen Marktstrategien allgemein eine größere Rolle als früher, daher sollte man nicht nur die Präsenz der einzelnen Komponisten im Konzertleben als Maßstab nehmen.

Der Stilwandel in der Chormusik, der sich nach 1977 dennoch auch in allgemeiner Form abzeichnete, wird in diesem Kapitel im groben Überblick und anhand von Werken meist jüngerer Komponisten dargestellt.

Die Funktion der Chöre
Qualität
Was zeichnet die schwedischen Chöre im Vergleich zu anderen Chören aus? Der Musikwissenschaftler Lennart Reimers unterscheidet sechs Qualitätsmerkmale, die er als Gründe für die besonders hohe Qualität schwedischer Chöre ansieht - es handelt sich dabei allerdings um Kriterien, die eigentlich alle ambitionierten Chöre zum Ziel haben sollten - nicht nur schwedische. Dennoch entsprechen diese Qualitätsmerkmale meinen eigenen Erfahrungen mit schwedischen Chören, daher werden in diesem Kapitel (sinngemäß paraphrasiert und kommentiert) paraphrasiert.

Innovationsbereitschaft
In den 50er- und 60er-Jahren fand eine produktive Wechselwirkung zwischen Komponisten, Chören/Chorleitern und dem Rundfunk statt, die unter anderem zur Folge hatte, daß schwedische Chöre im Ausland berühmt wurden, sodaß die international bedeutendsten Komponisten aufmerksam wurden und ihre eigenen Werke dort aufführen ließen. Die Wechselwirkung läßt sich grob vereinfacht folgendermaßen schematisieren:



Abbildung 1: Wechselwirkung in den Jahren zwischen ca. 1955 und 1965.
Repräsentative Beispiele für die schwedische a cappella-Chormusik nach 1945


Wenn man allgemeine Entwicklungen chronologisch darstellt, darf man nicht vergessen, daß eine lineare Stilentwicklung nur das Resultat vieler individueller Entwicklungen ist; die Komponisten und ihre Werke sind die einzelnen Punkte der Chorgeschichte, die sich zu einer Linie zusammenfügen. In diesem Kapitel geht es darum, wie sich das Schaffen wichtiger Komponisten dem jeweiligen Zeitgeist entsprechend verändert hat und wie ihnen gleichzeitig der Personalstil erhalten geblieben ist.

Das Schaffen der drei Komponisten Ingvar Lidholm, Arne Mellnäs und Sven-David Sandström ging jeweils vom Stiledeal der Zeit aus, in der sie erstmals als Komponisten hervortraten. Sie komponierten nicht nur zeitgemäß, sondern füllten die allgemeine Kompositionsweise durch ihre unverwechselbaren Personalstile mit Leben aus. Sie alle sind über mehrere Jahrzehnte hinweg bis heute Zentralgestalten im schwedischen Musikleben geblieben. Lidholm gilt als Hauptrepräsentant für den Stil der 50er-Jahre, in denen Schweden dadurch erstmals in seiner Geschichte eine wichtige Rolle im internationalen Musikleben spielte. Mellnäs war Mitbegründer der experimentellen Schule in den 60er-Jahren und Sandström vertrat ein neues Ideal der Klangschönheit. Seinem hohen Bekanntheitsgrad ist es wohl auch zu verdanken, daß sich dieses Ideal durchsetzte. Von diesen unterschiedlichen Ausgangspunkten aus vollzog sich bis heute jeweils eine Entwicklung, wobei gewisse Gemeinsamkeiten in der Stilveränderung auffallen. Nach einem stilistisc
hen Überblick über ihre a cappella-Chormusik werden von jedem der drei Komponisten jeweils zwei Werke aus unterschiedlichen Schaffensperioden genauer analysiert, um den Stilwandel plausibel zu machen, der in ähnlicher Form für die gesamte neue schwedische Chormusik gilt. Von Lidholm Laudi und De profundis, von Mellnäs Aglepta und Höst und von Sandström A cradle song/The tyger und Agnus Dei.


2017-12-14

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